Polen 2002

Auf dem Weg durch Polen in Litauen gelandet

Was tut man wenn man Zeit hat? Warum nicht reisen! Polen hat mich schon immer interessiert. Leider kannte ich bis zu dieser Reise von unserem Nachbarland nur die Stadt Warschau, die ich im tiefsten Winter erlebte.

Diese Reise nahm einen ganz anderen Verlauf als ursprünglich geplant. Am Anfang hätte ich nicht daran gedacht, später in Litauen zu landen, geschweige denn in Lettland.  Es war aber auch zugegebener maßen eine schlechte Idee von Ostpolen direkt nach Deutschland zurückzufahren. Die absolute Unlust den Rückweg per Fahrrad durch Polen anzutreten,  war es auch, die mich am Ende dazu bewog nach Litauen zu fahren und mit dem Schiff von Klaipeda aus heimzufahren. Aber ich will nicht zu viel um den heißen Brei reden – lest einfach selbst was mir widerfahren ist:

13.08.02 Mit der Bahn von Kiel nach Usedom

Wie sollte es auch anders sein: Die Reise begann mit einer Panne. Kurz vor der Abfahrt wollte ich ein letztes Mal den Reifendruck überprüfen. Als ich jedoch das Sclaverand-Ventil aufschraubte fiel es mir regelrecht entgegen und der Reifen war sofort Luftleer. Natürlich hatte ich unter meinen ganzen Ersatzteilen kein Ventil. Ich besorgte neue Ventile und erwischte den späteren Zug. Die Fahrt nach Usedom war nicht besonders spannend, doch in der Bäderbahn traf ich Florian, einen Alternativen aus Berlin. Er wollte in Zinnowitz Freunde besuchen, wußte aber nicht wo sie zu finden waren. Wir sahen uns zusammen Zinnowitz an und zelteten später am Strand. Dazu zündeten wir ein kleines Lagerfeuer an, an dem wir einen netten Abend verbrachten. Natürlich kam auch noch ein älterer Herr vorbei, der uns über Camping-Recht aufklärte. Anscheinend brachte ihn meine Ignoranz dazu, wieder zu gehen. Die Männer in Grün rief er jedenfalls nicht.

20km

Polen

14.08.02 Usedom-Dziwnow

Erst um 9 Uhr kroch ich aus meinem Zelt. Nach dem Frühstück und dem Abschied von Florian fuhr ich den Ostseeradweg in Richtung Polen. Der Radweg war ziemlich stark frequentiert, schnelles vorankommen war kaum möglich. Die Badeorte Usedoms gefielen mir nicht besonders. Es scheinen wirklich Orte aus Fassaden zu sein, von Touristen völlig überlaufen. Außerhalb der Orte reihte sich ein Campingplatz an den Anderen. Ich mache, daß ich nach Polen kam. Der kleine Grenzübergang ist ziemlich stark frequentiert. Mit einem Stempel mehr im Paß fahre ich nach Swinemünde hinein, wo sofort hinter dem Übergang Zigaretten angeboten werden. Sofort merkte ich auch, daß die Häuser in Polen deutlich älter aussehen, dennoch gefällt mir Swinemünde ganz gut.

Nachdem ich mit einer kleinen Fähre aufs Festland übergesetzt hatte, fuhr ich auf einer ziemlich stark befahrenen Straße in Richtung Ostseeküste, wo mich wieder Touristenorte erwarteten, doch wirkten sie sympathischer als die deutschen Orte. Auch die Landschaft gefiel mir- leider blieb die Straße bis zum Ende des Tages sehr stark befahren, was nicht gerade ein Genuß war. Außerorts sind die polnischen Straßen ziemlich gut ausgebaut – und auch ziemlich viel befahren. In den Orten dagegen findet man eher Flickenteppiche aus Asphalt, Kopfsteinpflaster und Sand vor. Ich fuhr durch Kiefernwälder und kleine Orte in denen die Leute winzige Äcker bestellten. Im Urlaubsort Dziwnow entschloß ich mich zu bleiben. Auf dem Campingplatz schlug ich mein Lager auf. Am Abend mischte ich mich unter die größtenteils polnischen Touristen.

90km  17,47km/h

15.08.02 Dziwnow-Kolobrzeg

Die Nacht im Zelt war ziemlich laut gewesen. Zum Frühstück hatte ich nur noch ein paar Kekse, fühlte mich aber nicht motiviert extra einkaufen zu gehen. Der starke Verkehr machte es mir auch an diesem Tag nicht besonders leicht. Im verträumten Städtchen Trzebiatow schloß ich Bekanntschaft mit Hendrik aus Niedersachsen. Nach einem gemeinsamen Snack fuhren wir auch gemeinsam weiter. Langsam ebbte der Verkehr ab, doch erst gegen Ende des Tages fuhren wir auf wirklich ruhigen Straßen. Teilweise waren die Straßen von Alleen gesäumt, die leider manchmal einseitig abgeholzt waren. In Kolobrzeg fanden wir Unterkunft auf einem Campingplatz zwischen deutschen Wohnwagentouristen. Der Ort ist eher hässlich und auch das Publikum recht eigenartig. Nach dem Abendessen gingen wir noch zu einer Veranstaltung am Strand, um 10 Uhr gab es eine Erotik Show, die eher eine Peinlich-Show für die Männer war, die sich auf die Bühne zerren ließen.

83km 18,25km/h

16.08.02 Kolobrzeg-Darlowo

Am Morgen fuhren wir auf einer recht dicht befahrenen Straße aus dem Ort heraus und wechselten bald auf eine kleinere Küstenstraße, die allerdings auch schon vom Urlauberverkehr heimgesucht wurde. Hier gab es sogar ausgeschilderte Radwege, die allerdings teilweise über sumpfige Waldwege führten. InDarlowo wollten wir eigentlich nur auf eine längere Pause halten, doch als wir aßen begann es zu regnen und wir entschlossen uns für ein günstiges Hotel. Abends gingen wir noch in eine lustige Kneipe, danach in das erste Bett seit ein paar Tagen.

90km  16,69km/h

17.08.02 Darlowo-Danzig

Nach einem erholsamen Schlaf und einem Frühstück auf der Parkbank, wobei unser Essen einige Neider fand, ging es über kleine Nebenstraßen nach Slupsk, wo wir nach dem Essen in einer Art Kantine und einer kurzen Stadtbesichtigung in den Zug nach Danzig stiegen.

Der Schaffner im Zug erkannte meinen Schülerausweis nicht an und brummte mir eine saftige Nachzahlung auf. Die Fahrräder, die auf einer Sitzbank stehen, schienen ihn nicht zu stören. In Danzig nahmen wir das Übernachtungsangebot eines alten Mannes am Bahnhof an.

Am Abend zogen wir etwas um die Häuser. Das Danziger Nachtleben kann sich echt sehen lassen! Beim Pinkeln gegen eine Hausmauer wurde Hendrik von der Polizei erwischt. Sie schrieben seinen Paß ab und wollten eine Strafe von ihm kassieren. Da er sich jedoch dumm stellte ließen sie ihn gehen.  Auf der Fahrt nach Hause erzählte uns der Taxifahrer von der Flutkatastrophe in Ostdeutschland.

54km  16,26km/h

18.08.02 Danzig

Der Tag begann um zwei Uhr mittags. Nach dem Frühstück in einem Imbiß machten wir uns an die Erkundung der Altstadt, die uns mit ihren bemalten Häusern ziemlich gut gefällt. Leider belagern Scharen von Touristen die Stadt. Am Nachmittag fuhr ich noch allein zur Westerplatte. Der Busfahrer schimpft und schubst mich, als ich nicht auf sein Geplapper reagierte. Der Lenker auf der Rückfahrt sollte sich als das absolute Gegenteil von diesem Gramusel herausstellen. Das Monument auf der Westerplatte wirkte auf mich nicht besonders eindrucksvoll. Am Abend genossen wir noch die Life-Musik in einem Cafe mitten in de Altstadt.An diesem Abend ging es früh ins Bett.

19.08.02 Danzig-Paslek

Wir verließen die Stadt früh auf einer autobahnähnlichen Straße, fanden aber schnell ruhigere Strecken. Die Landschaft ist in dieser Gegend ziemlich flach, was ihr jedoch nicht den Reiz nimmt. Bei Tczew überquerten wir die Weichsel auf einer recht eigenartigen Brücke, die aus mehreren Brücken verschiedener Bauweise zusammengesetzt war.

In Malbork besuchten wir ein kleines Schloß, daß sehr hoch gelobt wird. Ich fand es sehr schön, doch den historischen Hintergrund ließen die spärlichen Beschreibungen nicht durchblicken. Nach der Besichtigung trennten wir uns. Allein verging die Zeit nun etwas langsamer, doch dafür wurde die Strecke umso schöner und es war ebenso schön wieder allein zu fahren. Die Gegend hier ist ausgenommen ruhig und in vielen Dörfern wurde ich freundlich begrüßt. Alles wirkte fast etwas verschlafen. In Paslek fragte ich zwei Männer nach einem Campingplatz. Sie wiesen mir zwar den Weg, doch stellte sich heraus, daß es keinen gab. Nach einigem Herumfragen werde ich zum Aufseher von einer Art Naherholungspark gebracht, der mir eine Wiese zum Zelten anbot. Am Abend fuhr ich zum Essen in den Ort. Im einzigen Restaurant der Stadt war ich der einzige Gast bei spottbilligem Essen. Zum Hauptgericht gibt es eine Gabel, jedoch kein Messer. Früh legte ich mich schlafen.

131km 

20.08.02 Paslek-Nähe Rastenburg

In meinem Zelt hatte ich eine etwas unruhige Nacht verbracht. Es ist nicht angenehm wenn man nachts merkt, daß Leute in der Nähe vom Zelt sind. Der Tag begann mit einem angenehmen Bad im nahegelegenen Badesee. Der Mann, der mir den Platz gezeigt hatte verlangt kein Geld und gibt mir noch ein paar nette polnische Worte mit auf den Weg. Nach wenigen Kilometern hatte das Dorfidyll mich wieder. Die Straßen sind in dieser Gegend nicht alle allerbest, dafür ist es sehr ruhig. Zum Glück führte ein großteil der Strecke durch Alleen, so wurde ich nicht ganz und gar von der Sonne geröstet. Die masurische Landschaft ist so wie sie immer in Büchern beschrieben wird – sanfte Hügel und kleine Seen. Auch wenn die Hügel sanft aussehen haben es manche von ihnen ganz schön in sich! In vielen Dörfern wurde ich auch hier gegrüßt, andernorts saßen Männer gaffend und biertrinkend vor dem Dorfladen, doch nie wurde mir einer von ihnen unangenehm. Als ich in Rastenburg ankam, war es schon nach 7. Nach dem Abendessen in der Stadt fand ich außerhalb der Stadt Unterkunft bei einem Mann, der seinen Garten zu einem kleinen Campingplatz umfunktioniert hat. Hier gefiel es mir!

150km  18,30km/h

21.08.02 Rastenburg-Elk (Lyck)

Nach einem kleinen Frühstück fuhr ich zur Wolfsschanze, wo ich mich einer deutschen Reisegruppe anschloß und deren Führung mitmachte. Mit der Erklärung des Führers ist die Wolfschanze wirklich eindrucksvoll. Danach fuhr ich über recht unangenehme Straßen, die teilweise gar keine Deckung hatten nach Lötzen. Die Stadt ist sehr weitläufig und ziemlich von Touristen belagert. Nach dem Mittagessen fuhr ich weiter. Leider fuhr ich jetzt nur noch selten im Schutz von Alleen und die Sonne brannte mir auf den Schädel. Vereinzelt überholten mich LKWs aus dem Baltikum. Lyck ist eine angenehme Stadt,  in der es jedoch leider viele Bausünden gibt. Da ich keinen Campingplatz fand, entschied ich mich für eine Privatunterkunft. Wie die letzten Tage auch zog es mich erst nach 7 in die Unterkunft. So konnte ich die wunderbare Abendstimmung in vollen Zügen genießen. Leider hatte ich so kaum Gelegenheit mir die Stadt anzusehen. Nach dem Abendessen in der Stadt kam ich in der Unterkunft mit einem Polen ins Gespräch, der im Nebenzimmer wohnte. Zu der Unterhaltung aus deutschen und polnischen Sprachbrocken gab es Weinbrand.

101km  19,06km/h

22.08.02 Lyck-Sejny

Nach einem kleinen Frühstück auf einer Parkbank am Lycker See fuhr ich in Richtung Augustow. Obwohl ich eine Hauptstraße benutzte, war der Verkehr sehr gering. Später wechselte ich jedoch auf eine kleine Nebenstraße in Richtung Suwalki, die mich durch hügeliges und bewaldetes Land führte. Manchmal hatte ich mit Kopfsteinpflasterstraßen zu kämpfen, die wenn ich Pech hatte sogar versandet waren.  Von der Stadt Sejny bekam ich einen eher negativen Eindruck, da sie mich recht trostlos mit viel Verkehr empfing.

Hier fällte ich die endgültige Entscheidung, meinen Rückweg nach Hause nicht durch Polen anzutreten, sondern ins Baltikum zu fahren und von dort aus mit dem Schiff die Heimreise anzutreten. Ich machte mich also auf den Weg zum von hier nicht weiten Grenzübergang Ogrodniki-Lazdijai. Zuerst war der Verkehr noch sehr dicht, doch je weiter ich auf die Grenze zufuhr, desto ruhiger wurde es, bis ich irgendwann wieder fast allein auf der Straße war. Obwohl das Wetter fast zu gut zum Nichtcampen war, entschied ich mich für eine günstige Pension an der Straße im Nirgendwo.

Am Abend ging ich in einem nahegelegenen See baden und betrachtete danach die wunderschöne, hügelige Landschaft.

Am See traf ich ein deutsches Ehepaar, gerade mit dem Wohnwagen auf dem Rückweg vom 5. Estlandurlaub.

110km  18,82km/h

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Litauen:  Ich bin wieder da!

23.08.02 Sejny-Grutas

Bis zur Grenze waren es an diesem Morgen nicht mehr als 6km. Einen Hügel vor dem ersten Zollhäuschen versuchte ich noch etwas polnisches Geld in Essen umzusetzen, fast schwierig bei den auch für Polen niedrigen Preisen.  Nach zwei Hauptgerichten, Nachtisch und Schokolade fuhr ich zur Grenze. Der Übertritt war problemlos, aber das sinnlose Warten kann doch etwas nerven.

Im Grenzort Lazdijai wurde ich sofort nacheinander von einem Mädchen, einem kleinen Jungen und einem älteren Herrn angesprochen, der sehr gut Deutsch konnte und es sich nicht nehmen ließ mich mit vielen guten Wünschen auf den richtigen Weg zu bringen. Die Hauptstraße in Richtung Druskininkai war kaum befahren, aber hervorragend ausgebaut. An der Stadt Druskininkai fuhr ich eher vorbei und nahm die, ebenfalls ruhige, Hauptstraße in Richtung Vilnius. Die Landschaft wurde mit dem Grenzübertritt schnell flacher und auch die Wälder nahmen zu. Ich fühlte mich wunderbar wieder im freundlichen Litauen zu sein. Was für eine Anziehungskraft dieses Land doch hat!

Im Ort Grutas besuchte ich den Lenin-Park, wo viele Statuen aus der kommunistischen Ära ausgestellt sind. Als Nachtquartier fand ich einen netten inoffiziellen Zeltplatz an einem See direkt bei Grutas, wo außer mir noch zwei litauische Familien und eine kleine Schülergruppe kampierten. Wir kamen schnell ins Gespräch, die freundliche Runde tagte bis in die Nacht hinein.

79km  19,33km/h

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24.08.02     Grutas-Vilnius

Nach einem Bad im See fuhr ich wieder auf die Hauptstraße nach Vilnius, die immer noch sehr ruhig, aber ebenso langweilig war. Teilweise ging es stur geradeaus in einer schier endlosen schmalen Schneise durch den Wald. Ich begann mich allein zu fühlen auf dieser trostlosen Strecke. Etwa 40km vor Vilnius wurde der Verkehr zusehends dichter und auch die Landschaft war eher durch Wiesen als durch Wald charakterisiert. Kurz vor den ersten Vororten von Vilnius traf ich eine polnische Familie, die auch auf dem Weg nach Vilnius war. Ich fuhr eine Zeit lang mit dem Sohn zusammen. Auf den Einfallstraßen von Vilnius geht es sehr steil bergab und wir erreichten sehr hohe Geschwindigkeiten. Als ich aus Sicherheitsgründen langsamer fuhr, fuhr er mir davon. Das Fahren auf den 6-spurigen Hauptstraßen war zwar kein Vergnügen, jedoch nicht so schwer wie ich es erwartet hatte. Ich fuhr immer den Schildern zum Bahnhof hinterher, von wo aus es nicht mehr weit zur Jugendherberge war. Die Rezeptionistin dort kannte mich noch! Das Abendessen kochte ich zusammen mit einem Franzosen, später ging es mit internationaler Gesellschaft in eine wirklich nette Kneipe

131km  20,05km/h

25.08.02  Vilnius

Ich stand erst sehr spät auf und nach dem Frühstück am Mittag fuhr ich mit einem finnischen Paar zusammen zum Schloß Trakai – oder wäre Schlösschen passender?

Das Schloß ist sehr hübsch und direkt an einem See mit wunderschönen Parkanlagen gelegen. Historisch ist der Besuch jedoch weniger interessant.

Am Abend ging es zusammen mit einem Japaner in ein ziemlich litauisches Restaurant. Später schlossen wir uns der Gesprächsrunde in der Jugendherberge an. Die vielen verschiedenen Leute aus aller Herren Länder waren wirklich interessant.

trakai

26.08.02    Vilnius

Nach dem recht frühen Aufstehen ging ich mit zwei anderen Wahnsinnigen, die Visa für Belarus beantragen wollten zu einer Visumagentur um ein Visum für die russische Kaliningradskaja Oblast zu beantragen. Doch leider stellt Russland nur in Deutschland Visa für Deutsche aus! Mit jedem Paß einer anderen Nationalität hätte ich mein Visum bekommen! In einem anderen Büro bekam ich wenigstens ein Fährticket für die Fahrt nach Hause. In der Stadt traf ich Serhan aus Österreich und einen Amerikaner. Wir gingen zusammen in einen Biergarten, danach auf den Gdeminas Turm und genossen die Aussicht auf die Stadt.

Am Abend ging es mit Leuten von Alaska bis Neuseeland in den Lithuanian Night Club, in dem es ein ziemlich spaßiger Abend wurde.

27.08.02  Vilnius

Der Tag begann recht spät mit Frühstück und einem langen Klönschnack mit der netten Rezeptionistin. Als ich gerade gehen wollte, kam Serhan zur Tür herein. Wir gingen in die Stadt und bekamen mit Spaziergängen und Picknicken auf der Parkbank den ganzen restlichen Tag herum. Abendessen gibt es mit ihm und einem Finnen zusammen in einer netten Bar. An diesem Abend blieb ich nicht allzu lang wach.

28.08.02 Vilnius

Am Vormittag ging ich mit einem Australier zusammen ins KGB Museum. Obwohl ich es früher schon einmal gesehen hatte, war es wieder sehr beeindruckend und erinnerte mich wieder an die Besuche der Konzentrationslager und des Stasi-Gefängnisses von Ost Berlin.

Danach gingen wir auf einen ausführlichen Spaziergang in die Stadt und natürlich auch in den Biergarten.

Den Abend (oder die Nacht?) verbrachte ich wieder im Lithuanian Night Club. Als zurück zur Jugendherberge ging pöbelte mich ein junger Mann an, der sich als harmloser neuseeländischer Tourist entpuppte und sich verlaufen hatte (warum kann sich doch jeder denken…) Er wohnte in der gleichen Herberge wie ich und ich brachte ihn zu seinem Zimmer.

29.08.02 Vilnius

Am Morgen verlängerte ich meinen Aufenthalt wider um eine Nacht. Langsam wirkte ich unseriös mit dem Satz „Ich möchte bitte noch eine Nacht länger bleiben und fahre morgen weiter …“ Ich glaube, die Herbergsfamilie hatte sich schon auf einen Dauergast eingestellt. Spätstücken ging ich mit Reinhard aus Österreich. Anschließend ging ich auf den Gedeminas Hügel und legte mich auf einem Hausdach in die Sonne bis mir eine Wolke das Vergnügen nahm. In einer Russich-Orthodoxen Kirche sah ich mir einen Gottesdienst an, Reinhard kam zufällig auch dazu. Am Abend gingen wir zusammen essen und ließen uns danach in einer netten Bar bei netter Oldie-Musik das Bier schmecken. Reinhard ist Lehrer und hat die Möglichkeit dieses Berufes genutzt sich längere Auszeiten für größere Reisen zu nehmen.Um kurz nach 1 Uhr war ich der Erste, der auf meinem Zimmer schlafen ging.

30.08.02 Vilnius-Raguva

Irgendwann mußte es ja weiter gehen! Der Werktags-Verkehr in Vilnius ist noch heikler als der vom Sonntag. In einem 3-Spurigen Schnellstraßentunnel fiel mir der enorme Lärm auf, von dem man im Auto nie etwas mitbekommt. Als ich die Autobahn erreichte wurde der Verkehr zusehends erträglicher und nach kurzer Zeit war es sehr ruhig auf der zweispurigen Straße mit Standstreifen. Das Fahrrad fuhr bei Rückenwind und dem spiegelglatten Asphalt fast wie von selbst. Die Parallelstraße war, wie ich bald feststellte, nicht besser als die Autobahn. Ich durchfuhr die Stadt Ukmerge, die auf mich einen nicht sehr angenehmen Eindruck machte. Die Stadt ist auch für Litauen sehr sozialistisch geprägt – da fuhr ich lieber wieder auf die Autobahn! Gegen Abend sprach ich einen Besenverkäufer an der Autobahn an, ob ich in der Nähe mein Zelt aufschlagen durfte. Er lud mich aber sofort in sein Haus ein, das er mit seiner Mutter zusammen bewohnt. Dort gab es leckere Schweineohren und wir unterhielten uns bis spät in den Abend mit ein paar Sprachbrocken.

118km  24,13km/h(!)

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31.08.02    Raguva-Siauliai

Von wegen fauler Tourist, der die Einheimischen von der Arbeit abhält. Ich stand um kurz nach 7 auf, mein Gastgeber Albertas erst eine Stunde später. Es gabreichlich Eier und Gemüse zum Frühstück danach fuhr ich, ausgerüstet mit frischen litauischen Äpfeln weiter über die litauische Autobahn. Nach einiger Zeit begann mir der Wind zu schaffen zu machen. Die Stadt Panevezys umfuhr ich ganz und begab mich auf die Hauptstraße nach Siauliai. Hier war weitaus mehr Verkehr als auf der Autobahn – und das bei nur einer Spur je Fahrtrichtung. Dazu kam noch ein ordentlicher Gegenwind. Das war eine ganz schöne Plackerei. In Siauliai steuerte ich sofort das Hotel Siauliai an. Die Dame an der Rezeption warnte mich: „Die Zimmer für nur 5€ sind schon sehr alt…“ aber das konnte mich nicht abschrecken. Das Ost Ambiente zu dem guten Preis mußte ich mir einfach noch mal geben! Wie beim letzten Mal fehlten Kacheln im Bad und die Bettwäsche war ausgefranst und dennoch war alles sauber. Am Abend ging ist früh schlafen.

117km  19,86km/h

01.09.02 Siauliai

Der Tag begann natürlich mit Ausschlafen. Danach frühstückte ich auf einer Bank in der gut besuchten Fußgängerzone. Die Tage wurde irgendein Fest in der Stadt gefeiert. Das Treffen mit meiner Bekannten schlug fehl, ich versuchte fast mit Erfolg mich nicht darüber zu ärgern. Am Nachmittag trank ich statt Bier einmal Unmengen an Wasser. Ich fühlte mich völlig ausgetrocknet. Am Abend ging es nach einem schönen Abendessen schon früh ins Bett.

Lettland – oder aber Lettische SSR?

02.09.02 Siauliai-Saldus(Lettland)

Das frühe Aufstehen gelang mir wieder mal nicht ganz. Na wenigstens kam ich auf der Schnellstraße Richtung Kursenai gut voran. Ähnlich wie auf der Autobahn  ist hier kaum Verkehr. Auf einer Nebenstraße war es am Ende doch etwas angenehmer, zumal sie durch abwechslungsreichere Landschaft führte. Marzenkiai, der letzte Ort vor der Grenze ist freundlich und ich aß dort noch einmal ordentlich.

Der Grenzübergang nach Lettland ist ein echter Unort. Außer mir waren nur eine Handvoll Grenzbeamter dort, die in ihren Baracken saßen. Die Straße sieht an der Grenze verkommen aus. Auf beiden Seiten wurde mein Paß gründlich überprüft und der Lette stellte mir sogar Fragen wohin in Lettland ich fahren wollte und warum – Neugier aus Langeweile. Dann stellt er seinen Stempel ein paar Tage vor und drückt ihn in meinen Paß – anscheinend bin ich seit einigen Tagen der erste nicht-Balte an diesem abegelegenen Ort. Auf einem Stein ist noch in Kyrillischen Buchstaben das Wort Lettische SSR zu erahnen. Es wurde einfach das Wort Latvija darübergesetzt.

Die Straße führte mich nun durch sehr verlassene Landschaft. Die Straße war mit dem Grenzübertritt sofort schlechter geworden, dennoch überholten mich einige meist neue Autos mit irrer Geschwindigkeit. In Saldus angekommen bemerkte ich, daß ich nicht an die Zeitverschiebung zwischen Litauen und Lettland gedacht hatte. Im ersten Hotel wo ich nach Unterkunft frage bekomme ich die Angestellte ohne es wirklich darauf anzulegen von 50€ mit Frühstück auf 20€ ohne Frühstück heruntergehalndelt. Ein netter Mann wies mich an seinem Auto zu folgen und führte mich zu einer Art Jugendheim, wo ich für noch mal die Hälfte übernachtete. Am Abend ging ich in der netten kleinen Stadt spazieren.

135km  20,56km/h

03.09.02 Saldus-Kuldiga

Warum bin ich morgens bloß immer so unmotiviert?  An diesem Tag tat mir beim Start mal wieder der Hintern weh. Die Straße war ausgesprochen ruhig und führte mich durch Kiefernwälder, die leider teilweise krank aussahen. Die ersten Vorboten von Kuldiga wirkten dörflich, dann empfing mich der schöne und berühmte Wasserfall. Die Stadt an sich war auch sehr hübsch und ich entschloß mich zu bleiben. Ich fand Unterkunft in einem kleinen Holzhaus direkt am Wasserfall. Den Nachmittag nutzte ich für ein Bad im Wasserfall und die Entdeckung der Stadt. Der verschlafene Ortskern mit seinen alten Holzhäusern ist wirklich reizvoll.Abends legte ich mich zum Lesen an den Wasserfall.

53,88km  20,32km/h

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04.09.02 Kuldiga-Liepaja

Morgens war es recht kalt und es fiel mir schwer aus dem Bett zu kommen. Dann ging es weiter durch die schöne verschlafene Landschaft auf grottenschlechten bis hervorragenden Straßen. Der Ort Aizpute ist im gleichen Stil gebaut wie Kuldiga, jedoch haben die Besucher ihn noch nicht entdeckt und er wirkt sehr ursprünglich.

Viele Orte durch die ich kam erkannte ich wenn überhaupt an einem kleinen Schild und einer Bushaltestelle. Mit der Proviantversorgung hatte ich jedoch trotz der Entfernungen zwischen den größeren Orten nie Probleme gehabt. Kurz vor Liepaja kam ich in den dicken Verkehr. In der Innenstadt fand ich die Information problemlos und kam im Rot-Kreuz-Haus unter. In der Stadt traf ich zwei Mädels aus Dresden, die ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs waren. Sie wurden zur gleichen Unterkunft geschickt wie ich. In der Kirche lauschte ich einem schönen Orgelkonzert und traf mich danach mit den Mädels zum Essen. Es ist schön mit anderen Radfahrern über das Reisen zu fachsimpeln.

97km  20,20km/h

05.09.02 Liepaja

Naja, wenn man schon in einer Stadt ist, kann man auch ausschlafen, dachte ich. Der nette Angestellte von der Jugendherberge, ein älterer Herr, erzählte mir ganz aufgeregt mithilfe einiger Worte aus seinem Übersetzungsbuch, daß „Mädchen oben wach auch !!!!“  Ich frühstückte mit den Beiden, die an diesem Tag die Fähre nach Rostock nehmen wollten. Danach fuhr ich mit einem Minibus in den Stadtteil Karosta(Kriegshafen) Dort war alles ziemlich ausgestorben. Ich ging am Strand entlang und bestieg die Bunkeranlagen aus der Zarenzeit. Der Strand war wirklich schön. Feiner, sauberer Sand und kaum Leute.  Der Ort Karostadagegen sieht entsetzlich aus Kaum einer der vielen Plattenbauten scheint nicht baufällig. Von manchen stehen nur noch ruinenartig die Mauern und Decken, auch dort hausen teilweise noch Leute! Erinnerungen an die Kriegszerstörungen in Sarajevo werden bei dem Anblick in mir wach. In den älteren Wohnstraßen mit villenartigen Häusern wächst Gras zwischen den alten Pflastersteinen, auch diese Häuser stehen leer und sind im Begriff völlig zu verfallen. Als ich Fotos von den Plattenbauten machte, sprach mich ein alter Russe an. Obwohl ich ihn nicht verstand, redete er immer weiter und rief schließlich etwas in einen Hauseingang herein. Die Situation wurde mir unangenehm und ich machte lieber, daß ich wegkam. Mittagessen gab es in einer kleinen Kneipe, wo ich der einzige Gast war. Wo Liepaja ohnehin schon sehr russisch geprägt ist, scheint es in Karosta kaum Letten zu geben. Dennoch sah ich dort kein einziges russisches Hinweisschild. Schön ist an dem Ort nur die russisch- Orthodoxe Kirche, die wie eine Perle zwischen den heruntergekommenen Plattenbauten steht.

Das war der schlimmste Ort, den ich im Baltikum je gesehen hatte! Als ich später in der Jugendherberge aus der Dusche kam stand Tristan, ein Australier, in meinem Zimmer, der mich zuerst für einen Herbergsangestellten hielt. Später gingen wir zusammen essen und Bier trinken.

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06.09.02    Liepaja-Klaipeda

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit Tristan ging es los in Richtung Litauen. Die Hinweistafel in Liepaja zeigte 101km bis Klaipeda. Schnell hatte ich den Verkehr der Stadt hinter mir gelassen und auf der Straße zur Grenze herrschte gähnende Leere. Kaum Verkehr, kaum Orte. Die Landschaft wirkte durch diese Ruhe schön. An vielen Straßenschildern hier scheint noch die kyrillische Übersetzung durch. Sie ist jedoch fein säuberlich übermalt worden. Das kann nicht das Werk von russenfeindlichen Dorfbewohnern sein, sondern muß im Auftrag der Behörden geschehen sein.  Am ziemlich leeren Grenzübergang stand auf lettischer Seite noch ein Schlagbaum. Der Grenzer bat mich in freundlich-bestimmendem Deutsch in sein Zollhaus, wo er umständlich meine Papiere durchsah. Anscheinend war ihm langweilig, da er sogar die Ausreise mit einem Stempel dokumentierte. Auf litauischer Seite fuhr ich erst an der Kontrolle vorbei, fuhr dann aber doch zurück, da ich nicht erpicht darauf war bei der Ausreise am Hafen in Schwierigkeiten zu kommen. In Klaipeda kannte ich mich ja schon aus und fand den Weg zur Jugendherberge gleich. Abendessen aß ich zusammen mit zwei deutschen Studenten. Tristan kam spät am Abend nach, er hatte meine Fahrradstrecke mit dem Bus zurückgelegt.

103km  21,69km/h

07.09.02 Klaipeda und Kurische Nehrung

Nach einem Frühstück mit Fleisch und Kartoffeln fuhren Tristan und ich zusammen nach Nida auf der kurischen Nehrung. Dort machten wir eine Wanderung durch die Dünen und wagten uns am Strand etwa 100m nach Russland herüber. Nach einem Abendessen am Strand fuhren wir nach Klaipeda zurück.

Dort fand ich von meinem Fahrrad nur noch ein durchgeschnittenes Schloß! Ich erstattete Anzeige bei der Polizei. Die netten Polizisten nahmen ein detailliertes Protokoll auf. Die Prozedur dauerte insgesamt zwei Stunden. Die arme Rezeptionistin von der Jugendherberge mußte übersetzen. Der Polizist wunderte sich über den eigenartigen Ausländer, der anscheinend keinen Beruf hat, aber ein 750 Euro teures Fahrrad durch halb Europa fährt und von jedem Einzelteil den Hersteller sagen konnte.  Zum Glück hatte ich von Litauen und den anderen Baltischen Staaten schon so viele gute Eindrücke und Erlebnisse erfahren, daßweder der Diebstahl, noch der heruntergekommene Vorort Liepajas meine positive Einstellung ändern konnten.

Am Abend gingen Tristan und ich gemeinsam essen und danach in eine nette Bar, die leider nur schlecht besucht war, so wurde unser Abend nicht lang.

08.09.02 Palanga

Nach dem Frühstück nahmen Tristan und ich den Bus nach Palanga. Es war der Express von Kaliningrad nach Liepaja – ein sehr abenteuerlicher russischer Bus. Die Fahrkarte war komplett in Kyrillisch. Palanga ist eigentlich ein schöner Ort, jedoch im Sommer von Touristen absolut übervölkert, was ihn nicht gerade schöner machte. Der Strand hier war auch sehr schön, mir verging bei den vielen Leuten jedoch wieder einmal die Lust am Baden – anscheinend bin ich ein viel zu verwöhnter Küstenbewohner. Wieder in Klaipeda angekommen machte sich Tristan sofort auf den Weg nach Vilnius, ich setzte mich auf ein Bier in ein Café und las etwas. Als ich wieder in die Jugendherberge zurückkam, öffnete mir Serhan aus Wien. Er war, nachdem er zuhause einiges erledigt hatte, sofort ins Baltikum zurückgekehrt. Was für ein Zufall, daß wir uns noch mal trafen!  Am Abend ging es in eine schöne Jazz-Kneipe, Wo wir lang blieben.

09.09.02 Kurische Nehrung die 2te  und Heimfahrt

Da mir die Kurische Nehrung sehr gefällt, fuhr ich an diesem Tag mit Serhan gern noch ein zweites Mal nach Nida. Auf dem Weg dorthin nahm uns ein amerikanisches Ehepaar, das im baptistischen Missionarsdienst schon lange in Osteuropa lebt, in seinem Auto mit. Es war echt interessant sich mit den beiden über Religion zu unterhalten, vor allem wie schlagfertig sie auf Kritik reagieren konnten.

Wie man es in Nida so macht, machten wir eine kleine Wanderung durch die Dünen. Auf dem Rückweg verpassten wir den Bus und mussten lang warten. Für mich wurde die Zeit knapper. In Klaipeda raffte ich meine Sachen zusammen und ging in ein Restaurant, wo ich in unheimlicher Geschwindigkeit aß. Langsam wurde ich echt nervös. Ein Taxi brachte mich schnell zum Hafen, wo ich fast eine Stunde zu spät eincheckte. Die Frau am Schalter hatte ich schon am Abend zuvor in der Jazzkneipe getroffen.

Auf dem Schiff lernte ich sofort neue Leute kennen. Den Abend, oder besser gesagt die Nacht, verbringe ich mit Lars aus Kiel und Stefan aus Essen in der Schiffskneipe.

Der Abend ist sehr feucht-fröhlich. Um 4 Uhr morgens kam es in der Bar fast zu einer Schlägerei, die zahlreichen LKW Fahrer beteiligten sich aber glücklicherweise nicht, sondern brachten die Schläger auseinander. Bevor ich morgens um 7 schlafen ging, sah ich mir noch den Sonnenaufgang vom Oberdeck aus an.

10.10.02 Ein Tag auf See

An diesem Tag machte ich nicht viel mehr als schlafen. Am Abend sind wir wieder in der Besetzung vom Vorabend in der Bar. Der LKW Fahrer, der am Vorabend den meisten Ärger gemacht hatte war schon wieder voll bis obenhin, die meisten Anderen hielten sich ziemlich zurück. Anscheinend hatte es im Kieler Hafen schon mal Alkoholkontrollen gegeben.

11.10.02 Wieder in Kiel

Morgens um 7 betrat ich wieder deutschen Boden. Meine Mutter konnte mich zum Glück abholen und fuhr Lars und mich nach Hause.