Ostpreußen 2008

Eine Autofahrt durch das moderne Ostpreußen

Als wir am Kieler Ostuferhafen ankommen, ist schon fast der ganze Parkplatz voll. Bei meiner letzten Seereise ins Baltikum waren vielleicht 15 Pkw auf der Fähre – nun sind es dutzende, dazu noch Wohnwagen, Motorradgruppen und etliche Radfahrer. Am Check-in ist einiges los.
In einer endlosen Karawane fahren wir aufs Schiff und machen es uns anschließend in der Pullmann Lounge bequem.
Schon auf dem Schiff ist man in Litauen angekommen – Geld, Musik, Bier – alles ist hier litauisch.
Nach einer entspannten Nacht, die nur durch ein Handy unterbrochen wurde, das auf meinen Bauch fiel, genießen wir das üppige Frühstück an Bord. Erst am Abend kommen wir in Klaipeda an. Zum ersten Mal ohne Paßkontrolle geht es nach Litauen hinein.
Nach dem Volltanken fahren wir etwas durch die gepflegte Innenstadt, bevor wir uns nördlich der Stadt einen Zeltplatz suchen. Hinter einem Knick werden wir am Rand eines Feldes fündig und freuen uns bei einer Flasche Wein darüber, daß wir da sind. Klaipeda wurde in den letzten Jahren ordentlich herausgeputzt und ist voll mit Touristen. Die früher fast leeren Straßen sind gut ausgelastet. Schön zu sehen, wie das Land sich entwickelt hat. Später fahren wir in Richtung Siauliai, wo wir im guten alten Hotel Siauliai absteigen. Der Preis ist verglichen mit meinem letzten Aufenthalt recht hoch, doch bekommen wir dafür ein chic renoviertes Zimmer mit tollem Bad.
Abends gehen wir gemeinsam in die Stadt, wo flaniert wird was das Zeug hält.

Am nächsten Tag wollen wir die russische Grenze in Angriff nehmen. Die Landstraße Richtung Tilsit ist schnurgerade und langweilig, die Orte auf dem Weg eher weniger sehenswert. An der Grenze ist nichts los. Auf litauischer Seite mache ich den Fehler das Auto zu verlassen und jemanden zu suchen, der die Pässe begutachtet. Das verärgert den sehr unfreundlichen Litauer sehr – dann will er nicht kapieren, daß ich kein Russisch verstehe und schreit und schreit… Als ich das Wort „Maschina“ heraushöre setze ich mich ins Auto und schlage die Tür zu. Zum Glück kommen wir kurz darauf nach ein paar gehaltlosen Fragen auf Blödi-Englisch schnell weiter und fahren über die alte Luisenbrücke hinüber nach Rußland. An den Lastwagen fahren wir vorbei und reihen uns hinter den wartenden Pkw ein. Migrationskarten werden zum Ausfüllen ins Auto gereicht, die Anspannung steht uns beiden ins Gesicht geschrieben, auf russischer Seite sehen wir nichts als heruntergekommene Plattenbauten – das wirkt nicht sehr einladend. Nach gut anderthalb Stunde sind wir an der Reihe, eine Frau Soldatin, die sogar lächelt, guckt kurz in den randvollen Kofferraum, nimmt Pässe und Fahrzeugpapiere und bringt sie uns kurz darauf zurück – sie sind gestempelt. Nun muß ich zum Zoll, die Dame zeigt mir das Büdchen. Leider ist das Formular nur auf Russisch, Englisch spricht hier niemand doch eine hübsche Zöllnerin kommt heraus und diktiert mir geduldig was ich eintragen muß. Das Formular verschwindet dann wohl für alle Ewigkeit im Aktenschrank. An einem anderen Büdchen bekomme ich ein Kfz Einfuhrdokument für 14 Tage. Sobald ich dieses in den Händen halte, öffnet ein Soldat das große Eisentor und wir fahren nach Tilsit hinein. Das ganze Prozedere hat vielleicht 20 Minuten gedauert und war absolut problemlos und freundlich – also haben wir uns ganz umsonst Sorgen gemacht.
Die Tilsiter Straßen sind eine einzige Aneinanderreihung von Schlaglöchern und Bodenwellen, das Kopfsteinpflaster hat schon bessere Tage erlebt. Dazu regnet es noch ordentlich. Wir suchen uns ein nettes Zimmer und sehen uns erstmal vom Auto aus die Stadt an –  später parken wir es rotzfrech vor dem besten Hotel am Ort und spazieren durchs Zentrum. Etwas trist, doch ganz nett ist es hier schon.
Abends essen wir uns an einer Bude die durch und durch russische Speisekarte. Nebenan kocht jemand die leckeren Sachen auf einem qualmenden Feuer. Da fühlen wir uns wohl!

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Nach einer erholsamen Nacht machen wir eine Tour durch den Nordosten der Oblast, durch viele kleine Dörfer an der Memel entlang. Viel zu sehen gibt es nicht – mal abgesehen von den gepflegten orthodoxen Kirchen, die es in jedem größeren Ort gibt. In Form von alten Gebäuden und Gedenksteinen finden sich Zeugen der deutschen Zeit. Ansonsten erinnert nicht mehr viel an das ehemals reiche Ostpreußen. Die meisten Flächen sind unbewirtschaftet und somit Gras- und Buschland. Vielleicht wächst hier in einigen Jahrzehnten wieder dichter Wald. Die Orte sind meist ziemlich grau. Wohl fühlen wir uns trotzdem – oder gerade wegen der Ruhe?
Auf einer Landstraße, die teilweise direkt neben der Grenze zu Litauen verläuft, hält uns die gefürchtete Miliz an. Als der Soldat merkt, daß wir kein Russisch sprechen, drückt er seine Furchtbarkeit aus, indem er erstmal lacht. Er möchte die Papiere sehen, einen Blick in den Kofferraum werfen und läßt uns dann nach 2 Minuten weiterfahren. Auch hier war alle Aufregung umsonst.
Das ehemalige Gumbinnen grüßt mit alten Plattenbauten am Ortseingang, hat aber ein gepflegtes Zentrum. Als wir eine alte Fassade bewundern, hinter der ohne diese zu beschädigen ein grauer Betonklotz errichtet wurde, spricht uns ein älterer Russe an. Er ist Museumsdirektor, spricht Deutsch und erklärt uns, daß die die alte Volksbank ist. Nach einem weiteren Spaziergang geht es weiter nach Insterburg, wo wir wieder durch die Stadt schlendern und gleich zu Abend essen. Zurück in Tilsit fällt unser abendlicher Ausgang flach, da wir einfach einschlafen.

Die Straße nach Königsberg ist ziemlich ruhig, erst vor der Stadt wird der Verkehr dichter. Die alte Polizeisperre gibt es nicht mehr, man muß nur kurz anhalten und eine Kamera filmt dabei das Nummernschild. Bevor wir in die Stadt hineinfahren sehen wir uns noch die alte Berliner Brücke an, die den Innenstadtring über den Pregel bringt. Ein Teil von ihr wurde nach dem Krieg gesprengt. Leider unterschätzten die Rotarmisten die deutsche Wertarbeit und so brach die Brücke nur auseinander und rutschte in den Fluß. Die Brückenteile ragen noch heute direkt neben der zweiten Brücke in die Höhe, über die sich immer noch der gesamte Verkehr quält.

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Auf den Straßen in der Innenstadt ist die Hölle los, die Luftverschmutzung enorm. Wir fahren zuerst in den Stadtteil, in dem vor dem 2. Weltkrieg meine Großmutter aufgewachsen ist. Wo einmal ihr Elternhaus stand, stehen nun Bäume, dazwischen liegen Müll, Flaschen und Spritzen. Die Kirche, in der sie getauft wurde ist nun orthodox, die, in der sie konfirmiert wurde, ist nun ein Nachtclub.
Das Zentrum ist schon anständig hergerichtet. Es sind Einkaufszentren entstanden und die Dichte an Luxusautos ist beachtlich. Abgesehen von ein paar Kirchen und einigen Denkmälern scheinen fast alle Kulturgüter dieser Stadt noch deutscher Zeit zu entstammen. Wäre von der alten Substanz nicht zu viel zerstört oder dem Verfall preisgegeben worden, hätte die Gegend sicher sehr viel zu bieten und könnte sich zum Touristenmagnet herausputzen. Fraglich ist jedoch, ob Rußland überhaupt Interessen am Tourismus hat – die Einreisebestimmungen lassen grüßen.

Den neu aufgebauten Königsberger Dom dürfen wir wegen einer Veranstaltung leider nicht betreten. Hoffentlich wird das beim nächsten Besuch der Stadt noch möglich sein – bei der unlängst vorgenommenen Renovierung wurde leider zu viel Beton verwendet. Nun sackt das schöne Bauwerk ab und könnte einmal der schiefe Dom von Königsberg werden. Am Geländer der Brücke, die auf die Dominsel führt, ist alles voll von gravierten Vorhängeschlössern. Offensichtlich hängen hier Paare als Zeichen ihrer Verbundenheit Vorhängeschlösser an. Ein netter Brauch eigentlich.

Auf dem Rückweg wollten wir es uns noch etwas am Haffufer gemütlich machen. Leider haben wir diese Rechnung ohne den Schilfgürtel gemacht. Als wir nach der Fahrt über teilweise unasphaltierte Dorfstraßen ankommen, sehen wir kein Wasser. Was solls, dann suchen wir uns eben einen anderen Platz um zu essen. Der Platz neben der Tilsiter Luisenbrücke mit Blick auf das litauische Memelufer scheint uns gut geeignet.

An unserem letzten Tag in Rußland sehen wir uns noch das Tilsiter Soldatendenkmal an. In dem Park, in dem einst der Tilsiter Elch stand (er steht nun zusammen mit Lenin neben dem teuren Hotel Rossija) stehen nun ein alter russischer Panzer und einige Gedenktafeln. Ein Veteran kommt des Weges und versucht uns einiges zu erzählen. Leider spricht er nur Russisch.

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Ziemlich auf dem direkten Weg fahren wir in Richtung Osten. Wir beide sind etwas traurig, daß unser Rußlandausflug nun zu Ende ist. An der Grenze ist wenig los und auch hier werden wir korrekt behandelt und sind in weniger als 20 Minuten durch. Sehr angenehm!
Nach dem Mittagessen in einem Feld, schlängeln wir uns durch den dichten Verkehr bei Kaunas und rollen am späten Nachmittag in Vilnius ein, wo wir in einer fast neuen Jugendherberge Unterkunft finden. Die Stadt ist sehr hübsch und wohl auf dem besten Weg ein Touristenmoloch zu werden, wie es zum Beispiel Prag bereits ist. Doch noch ist Vilnius auch im Sommer genießbar. Der nächste Tag wird zur Entspannung genutzt. Da wir beide die Stadt schon aus dem Blickwinkel des Sightseeingtouristen kennen, macht das Gammeln richtig Spaß. Gegen Abend fahren wir nach Grutas an der weißrussischen Grenze und schlagen dort unser Zelt auf. Wie schon vor einigen Jahren sind hier bereits andere Wildcamper am See. Wir kochen uns die Pfifferlinge, die wir bei einer Marktfrau erstanden haben und genießen den schönen Abend.

Bevor wir Litauen in Richtung Polen verlassen, drehen wir noch eine Runde durch den Grutas Leninpark, wo einige Statuen aus Sowjetzeiten stehen. Anders als in Rußland wurden diese in den baltischen Staaten meist entfernt. Hier kann man sie noch bewundern.
Am Grenzübergang Ogrodniki/Lazdijai ist keine Polizei in Sicht. Vor nicht allzu langer Zeit wurde hier noch penibel kontrolliert und gestempelt, nun hat auch hier Schengen Einzug gehalten. Weit kommen wir an diesem Tag nicht und schlagen unser Zelt an einem kleinen See bei Augustow auf. Dabei wählen wir zum Glück eine geschützte Ecke aus, denn die große Wiese ist der Partyplatz der Dorfjugend. Am Abend gibt es Lagerfeuer, durchdrehende Autoreifen und sehr viel Bier.

Die Autofahrt durch Polen ist alles andere als spaßig. Überall sind Baustellen an den völlig überlasteten Landstraßen. Am Ende des Tages haben wir 10 Stunden im Auto gesessen und gerade mal 500km geschafft. Wir fragen einen Dorfbewohner, ob wir am Waldrand in der Nähe seines Hauses zelten dürfen. Er ist sofort einverstanden und wir beziehen den schönen Platz. Nur kläffende Köter sind eine Plage.
Am Tag darauf ist die einzige Hürde die Fahrt durch Breslau – das Navi ist dabei sehr hilfreich und nach Verlassen der Stadt bekommen wir endlich wieder mal Autobahn unter die Räder. Der Rest der Strecke ist problemlos und sehr angenehm zu fahren.

Für uns beide wird es nicht die letzte Fahrt nach Rußland und ins Baltikum gewesen sein. Ganz im Gegenteil: Die Reise hat neue Interessen geweckt und alte wieder ins Gedächtnis gerückt.