Bulgarien 2003

Freiheit!

Am Tag zuvor war ich noch Soldat gewesen, am 1.Juli stehe ich schon am Kieler Hauptbahnhof und warte auf meinen Zug in Richtung Süden. Mein einziges Ziel heißt Bulgarien, ansonsten habe ich nicht viel geplant. Keines der Länder, die ich durchfahren werde kenne  ich von früheren Reisen, ein echtes kleines Abenteuer. Die fahrt mit dem Nachtzug ist erstaunlich angenehm, angekommen in Wien erwartet mich Serhan, den ich ein Jahr zuvor in Litauen kennengelernt habe. Es ist schön, in einer fremden Stadt nicht allein zu sein. Am Sightseeing vergeht mir wegen der unverschämten Eintrittspreise schnell die Lust und ich belasse es bei Spaziergängen und verbringe eine nette Zeit mit Serhan.Am Wochenende fahren wir gemeinsam mit dem Rad nach Bratislava. Robert, ebenfalls vor einem Jahr in Litauen kennengelernt, ist für das erste Stück ebenfalls dabei. Der Donauradweg ist hervorragend, die Landschaft flach. Angekommen in Bratislava merke ich, daß ich mich wie immer erst an Osteuropa gewöhnen muß. An die Preise kann man sich jedenfalls schnell gewöhnen, am Nachmittag lassen wir es uns erst mal in einer netten Kneipe schmecken.

Die hübsche Innenstadt von Bratislava gefällt mir sehr. Serhan macht mich mit einigen seiner dort zahlreichen Freunde bekannt. Als beim Sightseeing auf einer Bank in der Sonne sitze und die Leute beobachte (und einige sogar fotografiere) spricht mich ein alter Mann an um mir seine bedauernswerte Geschichte zu erzählen. Er kommt angeblich aus Ungarn und ihm wurde sein ganzer Besitz gestohlen. Jetzt hat er weder Geld für Wodka, noch für eine Rückfahrkarte. Ich kontere mit dem Märchen, daß ich vor zwei Jahren aus Estland hierher gekommen bin und verzweifelt versuche Geld zu verdienen damit ich endlich meine Familie wiedersehen kann. Daraufhin bietet er mir eine Zigarette an. Er spricht kein Wort mehr von Geld. Auch am zweiten Abend gehen wir wieder ausgiebig in eine Kneipe. Leider muß Serhan am Montag wieder in Wien sein, so trennen sich unsere Wege und ich mache mich allein auf nach Ungarn.

Ungarn

Am Morgen treffe ich in Bratislava zwei Radfahrer aus Bayern, die auch auf dem Weg nach Ungarn sind. Kurzerhand fahren wir gemeinsam weiter. Die ungarische Grenze erreichen wir schnell. Eine Bierbar am Weg bringt eine willkommene Erfrischung. An der Grenze erwidern die Beamten unserer Freundlichkeit, das ist in Osteuropa nicht selbstverständlich! Mit zwei Stempeln mehr im Paß geht es hinein nach Ungarn. Schon in den ersten Dörfern winken uns die Feldarbeiter zu, die Orte sind urig. In Györ finden wir Quartier und gehen abends durch die schöne Altstadt.

Am nächsten Morgen fahre ich allein weiter in Richtung Plattensee. Zum Glück ebbt der Verkehr nach einiger Zeit etwas ab. In der Nähe des Plattensees wird die Landschaft sogar etwas hügelig. Bei dem Versuch dem dichten Verkehr auszuweichen verirre ich mich im Wald und komme erst nach einer Stunde wieder heraus. Angekommen in Veszprem kann die Rezeptionistin meinen Paß nicht lesen. Im Feld „Name“ schreibt sie „Jan Tage Deutsch“ also die Angaben von „Vornamen“ und „Staatsangehörigkeit“ das sollte mir auf der Reise noch einige Male passieren. Der Ort ist ganz interessant, beeindruckend ist seine Lage – das Stadtzentrum liegt quasi auf einem Felsen.

Am nächsten Morgen treffe ich ein paar Radfahrer aus Kaltenkirchen, gerade mal 60km von Kiel entfernt! Der ausgeschilderte Radweg zum Plattensee geht fast nur bergab, schnell komme ich im Touristenmoloch an. Nachdem ich mit der kleinen Fähre übergesetzt hatte muß ich in Siofok ein Vermögen für die wohl gammligste Pension des Ortes zahlen – „Transitreisende“ sind hier nicht gern gesehen, die Unternehmer wollen, daß man gleich mindestens eine Woche bleibt. Warum habe ich bloß keine Lust zum Zelten? – ich habe doch extra eins mitgenommen! Allein ist man für so etwas immer etwas schwer zu motivieren. Ein Blick in den Spiegel gibt mir zu denken: Der 10-Tage-Bart steht mir gar nicht und meinen Haaren könnte eine Behandlung mit einem handelsüblichen Kamm gut tun.

Der Plattensee und der Ort Siofok reißen mich nicht gerade vom Hocker. Der Ort ist von unangenehmen Touristen überlaufen und das Wasser des Sees wirkt nicht sehr einladend. Auf den Märkten kann ich kaum einen sinnvollen Artikel finden. Kein schönes Ungarn T-Shirt, dafür welche mithäßlicher Scooter, DDR oder CCCP-Aufschrift. Bereits nach einer Nacht fahre ich weiter. Vor meiner Abfahrt erzählt mir das holländisch-deutsche Personal der Tourist Information noch einige Schauergeschichten über Rumänien und empfehlen mir nach Budapest zu fahren um von dort einen Bus nach Bulgarien zu besteigen. Kann die Rumänen keiner leiden oder ist es wirklich lebensgefährlich schon einen Zeh über die Grenze zu setzten? Obwohl bekanntlich nichts so heiß gegessen wird wie es gekocht wird kratzen die schlimmen Geschichten langsam etwas an meiner Moral – ist das Risiko vielleicht doch zu hoch? Begebe ich mich unnötig in Gefahr? Ist es das Risiko wirklich wert? Ich entschließe mich dazu, das Land erst mal in Augenschein zu nehmen.

Weiter geht es in Richtung Süden. Erst noch über schöne Hügel und durch kleine Dörfer, dann wird die Gegend flach und langweilig. Rechts und links der Straße sind fast nur Felder, die Früchte kann man direkt beim Erzeuger erstehen. In den Orten sind viele Häuser neu und nobel, bei anderen fragt man sich brutal gesagt ob es das Wohnhaus oder der Stall sein soll. In Szeged bezahle ich für das Studentenwohnheim nur 3€ pro Nacht, nachdem ich mich mithilfe meines Jugendherbergsausweises erfolgreich als Student ausgegeben hatte.

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Szeged ist sehr hübsch und besonders abends genieße ich die Atmosphäre der Stadt. Drei Nächte ruhe ich mich dort aus. Die Gesellschaft lässt nicht auf sich warten – eine Gruppe junger Ungarn verbringt ihren Party Urlaub in dem Studentenwohnheim. Sie sprechen fast alle ziemlich gut Deutsch. Am Abend vor meiner Abreise ist im Wohnheim mal wieder high life. Die jungen Ungarn sind voll bis obenhin während ich mich mit zwei polnischen Backpackern unterhalte, die ebenfalls nach Rumänien wollen. Der ältere von den Beiden erzählt mir von seinen positiven Erlebnissen in Rumänien – endlich mal etwas Aufbauendes!

Rumänien

Am Morgen stehe ich schon vor sechs Uhr auf, um genug Zeit für mögliche Unannehmlichkeiten zu haben. Die beiden Polen scheinen die Einzigen zu sein, die sich darüber freuen und erheben sich auch gleich aus den Federn. Die Stadt Szeged habe ich schnell hinter mir gelassen und nach einigen weiteren Kilometern bin ich wieder fast allein auf der Straße. Im verschlafenen Grenzort Kiszombor verprasse ich meine letzten ungarischen Münzen bevor ich zum einsamen Grenzübergang nach Rumänien fahre. Auf ungarischer Seite werde ich sofort durchgelassen. Irgendwie fühle ich mich nicht besonders wohl bei diesem Grenzübertritt – was wird mich auf der anderen Seite erwarten? Der rumänische Grenzer brüllt mich an – ich hatte sein heiliges Stopschild überfahren. „There’s a stopsign! Ah you’re from Deutschland – what does Stop mean in Germany or your fuckin’ european union?“  Ich entschuldige mich, doch er fährt fort: „I can give you a warning for this!“ Meine Güte nochmal! Jetzt drück endlich deinen Stempel runter und halt die Klappe! Das tut er dann zum Glück auch. Der Mann von der Zollkontrolle wechselt überraschender Weise ein paar nette Worte auf Deutsch mit mir. „Du bist doch allein, hast du kein Gewehr zu verzollen?“ Meine Frage ob Rumänien denn gefährlich ist verneint er natürlich, doch auch er meint, ich solle auf keinen Fall nachts fahren.

In den ersten Orten fühle ich mich viele Jahre in der Zeit zurückversetzt und meine gleichzeitig einen gewaltigen Sprung nach Süden gemacht zu haben. Das Straßenbild ist teilweise wie in einem Entwicklungsland, die Häuser sehr spartanisch. In der ersten Kleinstadt hat es südländisches Flair. Irgendwie ist es hier gar nicht unangenehm und entgegen aller Geschichten kommen nicht sofort Leute angelaufen um einen zu bestehlen oder anzubetteln sobald man irgendwo anhält. Die Stadt Timisoara ist nicht besonders spektakulär aber ganz nett. Mir gefällt das Stadtzentrum, doch leider sind hier die meisten Hausfassaden nicht saniert und teilweise in beklagenswerten Zustand. Die Leute, die ich nach dem Weg frage sind sehr hilfsbereit und freundlich. Im Cafe lasse ich zum Abendessen auftischen – Spaghetti Carbonara und zwei Bier für 3€. Guten Appetit! Spät am Abend kommen die beiden Polen an und landen in der gleichen Unterkunft wie ich. Noch ein gemeinsamer Kneipenbesuch? Na klar! Am nächsten Morgen entschließe ich mich dazu noch eine Nacht in Timisoara zu bleiben. Das Interessanteste der Stadt ist eigentlich der Park, in dem scheinbar den ganzen Tag Männer beim gemeinsamen Spiel sitzen. Mal scheint es um viel Geld zu gehen, mal nur um die Gesellschaft. An meiner Kamera stört sich keiner.

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Nach der zweiten Nacht in der Stadt fahre ich bei brütender Hitze auf einer holprigen Betonpiste aus der Stadt heraus. Schnell wird es bergig. Bei einem kleinen Dorf spricht mich eine alte Frau an. Ihr Blick verrät Verwunderung über mich, leider kann ich ihr nur wenig von meinem Vorhaben erklären. Als ich mich in Resita über den Preis im Hotel beschwere nimmt mich ein junger Hotelangestellter mit. Ich tue das, wovon überall abgeraten wird – ich gehe mit. Er lädt mich in sein kleines Studentenzimmer ein. Gegen seine Bleibe, die er für ganze 70cent pro Nacht gemietet hat wirken die deutschen Unterkünfte für Studenten geradezu luxuriös! Im Gemeinschaftsbad fehlen Fensterscheiben, das Duschwasser ist eiskalt und braun. Nicht auszudenken wie es hier in einem harten Winter aussehen muß. Am Abend trinken wir gemeinsam an seinem Fenster Bier und unterhalten uns auf Englisch und Französisch.

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Weiter geht es in Richtung Süden durch die herrliche Landschaft der Karpatenausläufer. Genügende Belohnung für die Anstrengung bei den steilen Anstiegen. An einer Serpentinenstraße ruft ein alter Schafhirte Bravo. Mit der Zeit wird es immer einsamer und die Straßen holpriger. Kleine Bäche bringen einen Hauch von Kühle. Mein Trinkwasser heizt sich von der Sonne so stark auf, daß es mir fast leid tut, keine Teebeutel dabei zu haben!

Der Kurort Baile Herculane (Herkulesbad) ist ziemlich überlaufen, doch in einem alten Hotel finde ich Quartier. Die meisten Leute sind Kurgäste, ein paar Deutsche sieht man auch – wie sollte es auch anders sein… Nicht daß es mir dort nicht gefallen würde, doch gehen mir die vielen Menschen schon etwas auf die Nerven. Südlich von Baile Herculane wird es wieder flacher. Ich fahre entlang der Donau, passiere das Riesige Wasserkraftwerk Portile de Fier, das gleichzeitig ein Grenzübergang nach Serbien ist und besuche die eher unangenehme Stadt Drobeta-Turnu Severin. Nachts kann ich vor lauter Hundegebell kaum schlafen. Dann geht es geradewegs zur bulgarischen Grenze. Die letzte Etappe in Rumänien ist gleichzeitig die unangenehmste. In den Dörfern rennen mir Kinder mit aufgehaltener Hand hinterher, die Obstverkäufer stellen sich mitten auf die Straße und wollen mich anhalten. Zum Glück sind sie nicht besonders Zäh und lassen sich durch bloßes Weiterfahren abschütteln. Oft wurde ich in Rumänien um etwas Geld, ein Bier oder Zigaretten gebeten, doch hatte sich nie jemand aufgedrängt, wie diese Leute es tun.

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In Calafat heißt es nach Erledigung des Papierkrams warten. Die kleine Fähre fährt nur wenn sie voll ist, was bei der sehr schleppenden Abfertigung der Lastwagen lang dauert. Wenigstens bin ich nicht allein und habe Unterhaltung. Auf Bulgarischer Seite werde ich nach kurzer Passkontrolle durchgewunken, während gerade bei den Lastwagen die geladenen Pakete aufgeschnitten und aufs Gründlichste durchsucht werden. So bin ich der Erste, der den Schlagbaum passiert.

Bulgarien

Vom Fähranleger bis in die Stadt Vidin sind es etwa 5km auf einer verlassenen Strecke. Sofort empfangen mich kyrillische Straßenschilder – sie zu lesen dauert recht lang wenn man ungeübt ist. Weil es schon spät ist suche ich sofort nach einem Hotel, der Mann den ich anspreche nimmt mir meinen Reiseführer aus der Hand und ruft die Telefonnummern der Hotels an um zu fragen ob noch ein Platz frei ist. Für die Wegbeschreibung fragt er noch Passanten, die auch sehr Hilfsbereit sind. So ist meine erste Erfahrung in Bulgarien gleich eine gute. Vidin ist ein unspektakulärer Ort, was wohl an der Randlage liegt. Handel mit den Nachbarstaaten war teilweise nur mir Hindernissen oder gar nicht möglich.

Südlich der Stadt wird es sofort bergig. Das Felsenpanorama des kleinen Ortes Belogradchik ist sehr schön, doch lasse ich mir lieber in einem Cafe das Essen schmecken anstatt mir die auf den Felsen gelegene Festung anzusehen. Im Ort sind bereits kleine Wegweise für Touristen angebracht, doch lassen diese noch auf sich warten. Weiter geht es auf der kleinen Straße an einem Bach entlang, die Atmosphäre ist fast ein wenig tropisch. In einem kleinen Dorf spricht die hübsche Verkäuferin nach ein paar Sätzen in Zeichensprache plötzlich fließendes Englisch – und ich muß vor Erstaunen mein Kinn festhalten. Im charmanten kleinen Lopushanski Kloster finde ich Unterkunft für die Nacht.

Weiter geht es durch den Norden Bulgariens. Ich passiere die eher unangenehme Plattenbaustadt Montana und viele kleine Dörfer. Wie schon in Rumänien falle ich auch hier auf, doch niemand bittet mich vor dem Dorfladen um Zigaretten und es drängt sich auch keiner auf, meist bin ich der Erste, der winkt – die Leute lachen freundlich. In Vraca setze ich mich bei meinem abendlichen Spaziergang in ein Straßencafe. Kaum habe ich mich hingesetzt spricht mich eine Gruppe junger Bulgaren an – jeder hier erkennt mich als Ausländer. Sie bitten mich an ihren Tisch und nach einiger Zeit ziehen wir weiter in die Kneipe „von einem Freund“ wo wir alle eingeladen sind. Keiner nutzt dies zum hemmungslosen Saufen. Mit den netten Leuten wird es ein schöner Abend. Das Taxi zurück zum Hotel fährt durch die halbe Stadt und kostet 1Euro. Hinter dem letzten Vorort von Vraca tauche ich am nächsten Morgen wieder in die bulgarische Walachei ein. Mir gefällt die Szene des nahe Balkan Gebirges, aber auch meine Strecke ist doch etwas hügelig.

In der Nähe eines kleinen Dorfes spricht mich ein alter Mann an, seine bulgarischen Sätze scheinen im Wesentlichen von Hitler, Stalin und Adenauer zu handeln. Auf einen bulgarischen Monolog über Politik habe ich absolut keine Lust und fahre trotz seines Protests weiter. Im Ort Roman ist Markttag – kein Vergleich zum deutschen Wochenmarkt, hier gibt es fast alles für den täglichen Bedarf zu kaufen, bei einigen Leuten errege ich mal wieder etwas Aufsehen. Als ich am Ortsausgang bei einer Gruppe junger Männer nach dem Weg frage steigt einer von ihnen auf sein Moped und zeigt mir die richtige Straße. In der Stadt Lovech gönne ich mir mal wieder einen Ruhetag, die Hügel und die enorme Hitze haben mir doch zu schaffen gemacht. Die Stadt ist, natürlich abgesehen von der Neustadt, recht nett. Leider liegt mein Hotelzimmer direkt am Hauptplatz der Altstadt, so bekomme ich beim Einschlafen von jedem der zahlreichen Cafés gleichzeitig Musik ins Zimmer gespielt.

Am Morgen der Abfahrt verderben die bettelnden Zigeuner mir gehörig den Appetit beim Frühstück. Nicht nur, daß ein Junge mich beim Essen pausenlos anschnorrt sondern machen sie sich auch an meinem Fahrrad zu schaffen. Langsam kommt in mir Verständnis dafür auf, daß weit und breit niemand die Zigeuner leiden kann! Den Kontakt zu ihnen vermeide ich auch soweit es irgendwie möglich ist.  Die Strecke nach Veliko Tarnovo ist herrlich. Dort angekommen wird mir sofort ein Zimmer angeboten, da ein junger Mann als „Vermittler“ agiert mißtraue ich dem Angebot und lehne ab. Er beginnt mich daraufhin in der Stadt herumzuführen und bringt mich zu den günstigen Hotels. Da er nachdem ich sein Angebot abgelehnt hatte nicht gleich gegangen war entschließe ich mich, das Angebot doch anzunehmen. Die Unterkunft bei der alten Dame kostet €3,50 pro Nacht.

Als ich abends mit meinem Zimmervermittler in der Kneipe bin bestätigt sich ein Teil meiner schlechten Vermutungen – er erwartet, von mir eingeladen zu werden. Ich schiebe ihm die Rechnung zurück. Es ist unangenehm wenn Leute ihre Rechnung nicht selbst bezahlen. Doch habe ich einen netten Abend gehabt und dabei Nickolay kennengelernt, mit dem ich mich gleich für den nächsten Tag verabrede. Er ist einer der Wenigen hier, die sehr gutes Englisch sprechen, er studiert englische Philologie. Er zeigt mir einiges von der Stadt. Am Abend gehen wir gemeinsam zum kleinen Rock Festival, das in der Stadt stattfindet. Die Zeit in der Stadt würde sich nicht besser rumbringen lassen und ich fahre mit einer Einladung zum Wiederkommen weiter in Richtung Süden.

Es geht durch hügelige Landschaft über den kleinen, aber sehr hübschen Ort Tryavna nach Gabrovo. Hinter der Stadt beginnt direkt der Anstieg zum Shipka-Paß, der mich über den Balkan bringen soll. Es geht über 20km in Serpentinen steil bergan. LKW aus aller Herren Länder überholen mich langsam. Auf der Paßhöhe checke ich in einem sehr günstigen Hotel ein. Außer mir ist nur ein finnischer Gast dort. Über eine sehr lange Treppe erreicht man von hier ein eindrucksvolles Monument, das an die russischen Soldaten erinnert, die für die Freiheit Bulgariens von den Türken gekämpft hatten. Nachts gibt es ein ordentliches Gewitter, als der Strom ausfällt schert sich keiner darum und die Kellnerin stellt eine kleine Gaslampe auf den Tisch. Die Abfahrt vom Shipka Paß am nächsten Morgen ist rasant. Teilweise bin ich schneller als die Lastwagen, denen die Serpentinen zu schaffen machen. Dazu ist es neblig feucht und auf der Passhöhe hat es gerade einmal 10°. Die Strecke am Fuß der Berge ist schön, doch bleibt es leider den ganzen Tag neblig und regnerisch. Bei strömendem Regen fahre ich nach Hisarya hinein. Mein Hotel kostet 11€, hat aber einen Swimming Pool und 3 bulgarische Sterne. Der Ort ist hübsch und es gibt einige Heilbäder. Bekannt ist er auch wegen der Legende von der mutigen jungen Frau, die sich während der ottomanischen Besatzungszeit weigerte den Besatzern nackt ihre Speisen zu servieren und sich stattdessen zur Wehr setzte. Ihr Denkmal steht im Park und ist auf fast jeder Postkarte zu sehen. Beim Abendessen setzen sich die beiden Kellerinnen, die in meinem Alter sind, zu mir an den Tisch. Anscheinend freuen sie sich, mal wieder englisch reden zu können.

Nachdem ich am Morgen einen Regenschauer abgewartet habe fahre ich so schnell wie möglich nach Plovdiv und erreiche die Stadt bei schönem Wetter. Bei der Hauptpost warte ich auf meine Brieffreundin Svetlana, zwei Jahre haben wir uns Briefe geschrieben, nun steht sie plötzlich wie selbstverständlich vor mir. Wir verstehen uns gut und ich bekomme eine Stadtführung aus erster Hand. Das Nachtleben in Plovdiv kann sich sehen lassen, auch spät in der Nacht wird noch flaniert und die zahlreichen Straßencafes sind proppevoll. Und das vor der schönen Kulisse der schönen plovdiver Fußgängerzone. Am nächsten Tag nimmt mich Svetlana mit zu sich nach Hause, die Gastfreundschaft wird mir fast peinlich! In der Stadt gibt es viel zu sehen und auch über das Sightseeing hinaus unternehmen wir viel. Das Bier oder der Wein schmecken am Abend noch viel besser, wenn man nicht allein trinken muß.

Ausflug zum schwarzen Meer

Weil ich Lust auf einige faule Tage an der See habe, setze ich mich in den Zug nach Burgas. Svetlana kann leider nicht mitkommen. Von Burgas aus nehme ich den Bus nach Nessebar. Die Innenstadt dieser Touristenhochburg ist sehr hübsch, doch leider gibt es keine Hotelzimmer mehr – jedenfalls nicht zu angemessenen Preisen. Für eine Nacht finde ich ein sündhaft teures Zimmer, wenigstens hat es Fernsehen. Den Abend verbringe ich unter Touristen in der Altstadt, wenn die großen Menschenmassen nicht wären könnte es noch viel schöner sein. Aber ich bin in der beliebtesten Ferienregion von Bulgarien gelandet – Sonnenstrand ist gleich nebenan. Am nächsten Tag schon verlasse ich Nessebar und versuche in Sozopol mein Glück. Dort ist es ebenfalls hübsch aber überfüllt. Nach über einer Stunde erfolgloser Suche bietet mir ein Mann Privatunterkunft an. Es ist ein Sehr spartanischer und dreckiger Ort, aber dafür bleibt mir das finanzielle Desaster erspart. Ein junges bulgarisches Paar, das ich treffe verbringt die Nacht am Strand – es ist wirklich ärgerlich, daßFahrrad und Zeltausrüstung in Plovdiv auf mich warten! Gleich an meinem ersten Tag am Strand hole ich mir einen ordentlichen Sonnenbrand. Die Symptome, die sich abends zeigen erinnern an einen Sonnenstich. So verbringe ich den Rest des Schwarzmeer- Ausflugs im Schatten, doch auch von dort aus kann man die schöne Küstenszene genießen – auch wenn es einem nicht gut geht, gibt es immer etwas Erfreuendes.

Bevor ich nach Plovdiv zurückkehre, möchte ich noch Burgas ansehen. Also nehme ich den frühen Bus aus Sozopol und verbringe den halben Tag in Burgas. Dort gibt es außer der ganz netten Einkaufsstraße und einem Park beim Marina-Centre nicht viel zu sehen und ich bin etwas enttäuscht von der Stadt. Irgendwie hat sie etwas Unangenehmes – ständig werde ich von Geldwechslern angesprochen, ein Schuhputzer schmiert Schuhcreme auf meine Trekkingsandalen aus Kunstoff, es gibt in Bulgarien wesentlich angenehmere Städte!

Da entdecke ich einen Radwanderer: Er heißt Jordan und kommt aus Sofia. Wir setzen uns in ein Café und fachsimpeln über Radtouren. Beide würden wir gern einmal eine Tour durch Rußland machen, doch keiner von uns will dort allein hinfahren. Das könnten wir doch gemeinsam machen! Der Ausflug nach Burgas hat sich also doch richtig gelohnt. Nach einer entspannten Zugfahrt komme ich wieder in Plovdiv an, wo mich Svetlana vom Bahnhof abholt.

 

Plovdiv die 2te und die Berge in Bulgariens Süden

Schön ist es in Plovdiv! So kommt es, daß ich dort noch drei Nächte bei Svetlana bleibe. Ein Sightseeing Programm haben wir nicht mehr, die Devise heißt ausschlafen. Ich verbringe eine schöne Zeit mit ihr, ihrer Familie und Freunden, doch ewig kann ich nicht bleiben und ich mache mich auf in Richtung Süden. Nachdem ich die letzten Häuser von Plovdiv hinter mir gelassen habe wird die Gegend schnell wieder ländlich. Schon die ersten Ausläufer des Rhodopi-Gebirges sind herrlich, doch die Straße geht jetzt nur noch bergauf. Später führt die Straße nur noch durch den Wald. Holztransporter und Lastwagen, auf deren Ladeflächen Zigeuner sitzen kommen mir entgegen. Gegen Abend baue ich einfach mein Zelt auf einer Lichtung nahe der Straße auf. Die Spaghetti mit Käse schmecken gut. Am nächsten Morgen werde ich von meinem Zähneklappern geweckt. Obwohl ich sicher gerade einmal auf 1000m Höhe bin ist es in der Nacht doch ziemlich frisch geworden. Weiter geht es durch die schöne Berglandschaft. Die zahlreichen Stauseen bieten ein einmaliges Panorama. Im Ort Dospat, der nicht mehr als 10km von der griechischen Grenze entfernt liegt, empfängt mich der Ruf des Muezzin. In der Gegend leben zahlreiche Pomaken – Slawen, die zum Islam konvertiert sind. Die Gegend mutet mediterran an und vielerorts wird Tabak angebaut. Quartier finde ich wieder auf einer Wiese. Warum habe ich mit dem Zelten nicht schon viel früher angefangen?!

Der Weg nach Blagoevgrad führt mich an einem kleinen Fluß entlang, an Tabakfeldern und interessanten Gesteinsformationen vorbei. Der kleine Skiort Batak ist auch im Sommer sehr hübsch. Die Fahrt über den Predel-Paß kurz vor Blagoevgrad ist eher ein Vergnügen als anstrengend. Auf der Ostseite ist der Anstieg gerade einmal 10km lang, dafür geht es auf der anderen Seite über 20km steil bergab. Der Empfang in Blagoevgrad ist weniger schön. Die Vorstädte sind selten hässlich und eine Hand voll Männer beschimpft mich, weil mir ihr Übernachtungsangebot zu teuer ist. Ein Taxifahrer empfiehlt mir ein nettes, billiges Hotel. Sogar deutsches Fernsehen habe ich. Das muß genutzt werden. Auch wenn ich in Deutschland wenig fernsehe. Ich entdecke das nette Stadtzentrum und plötzlich gefällt es mir so gut, daß ich gleich zwei Nächte bleibe. Bemerkenswert ist die große amerikanische Universität von Bulgarien, die man wohl als eine Art Wahrzeichen des Stadtzentrums sehen kann.

Mein letztes Ziel bevor ich nach Sofia fahre ist das berühmte Rila-Kloster. Leider habe ich einen wichtigen orthodoxen Feiertag erwischt und so bin ich mit der Idee das Kloster zu besuchen an diesem Tag nicht allein. Das Kloster mit der schönen Kirche ist beeindruckend. Die schöne Berglandschaft rundet die Szene ab. Auf dem Rückweg nach Rila-Stadt treffe ich ein holländisches Paar auf dem Rad. Sie sind schon seit acht Monaten in Europa und Nordafrika unterwegs. Als ich am Abend in einer kleinen Bar sitze kommt ein 15-jähriges Mädchen an meinen Tisch und fragt mich ob ich der neue Englischlehrer der Stadt bin. Etwas verdutzt bin ich über diese lustige aber ernst gemeinte Frage schon. Es ist eine willkommene Gelegenheit vor dem eher lästigen Mann, der sich anscheinend aus Langeweile an meinen Tisch gesetzt hat, an den Tisch der Stadtjugend zu flüchten.

Am nächsten Morgen radle ich schon um 9Uhr meiner letzten Etappe entgegen. Es ist die letzte Etappe einer herrlichen Tour, leider ist sie kein krönender Abschluß – die meiste Zeit fahre ich an der extrem dicht befahrenen Europastraße, die Sofia mit Griechenland verbindet. Auf dem Weg treffe ich noch zwei tschechische Radfahrer, die sich in zwei Wochen bulgariens Süden erradeln wollen. Die Einfallstraße nach Sofia ist holprig und dicht befahren, der Großstadtverkehr verwirrt mich. Doch mit etwas Konzentration ist die Fahrt doch recht erträglich. In einer gerade erst eröffneten Jugendherberge finde ich Unterkunft. Auf den ersten Blick sieht Sofia häßlich aus. Viel Verkehr quält sich durch die Straßen, eine schöne Fußgängerzone gibt es nicht. Dennoch gelingt es mir auch diese Stadt zu genießen und bleibe am Ende fünf Nächte. Ich treffe Cody aus Kanada mit dem ich die Stadt erkunde. Außerdem verbringe ich, wie meistens in einer Großstadt, viel Zeit in Bars und mit spazieren gehen. Ich verabrede mich mir Rosi, dich ich am schwarzen Meer getroffen hatte und sehe Marina wieder, die ich vor zwei Jahren auf Zypern kennengelernt hatte. Keiner von uns hätte noch an ein Wiedersehen gedacht. Die Sehenswürdigkeiten sind für mich eher Pflichtprogramm. Viel mehr interessieren mich die Märkte mit Händlern aus aller Welt, leider nicht nur angenehme Zeitgenossen. Ein Einkauf lohnt sich auf alle Fälle, nach kurzem Handeln sind die angebotenen Kleider unschlagbar billig. Sehenswert ist auch der Zigeunermarkt. Das Angebot dort ist außerordentlich eigenartig. Es gibt sogar benutzte Handykarten und leere Mediakamentenschachteln. Wer es denn braucht. Je länger ich in der Stadt bin, desto besser gefällt es mir, denn erst wenn man näher hinsieht fallen einem die schönen Plätze und Bars auf. Trotz all der schlechten Geschichten, die ich über die Stadt gehört hatte, genieße ich die Tage in Sofia.

Vienna Calling

Alles hat ein Ende, doch Sofia ist nicht meine letzte Station. Problemlos bekomme ich ein Ticket für den Bus nach Wien. Nach der Fahrt durch Ungarn, Rumänien und einem ganzen Monat in Bulgarien stehe ich nun am Busbahnhof. Der nette Busfahrer verstaut mein Fahrrad im Gepäckraum.  Für das Fahrrad und ein zusätzliches Gepäckstück bezahle ich gerade einmal fünf Euro. Schon nach einer dreiviertel Stunde stehen wir an der serbischen Grenze – mit einer Träne im Knopfloch lasse ich mich durch die Kontrollen chauffieren. Weiter geht es durch das nächtliche Serbien. Auf einem Rastplatz stehen einige Autos aus Westeuropa, die meisten Fahrer schlafen. Wie war das noch mit den Warnungen vor dem Reisen in der Nacht und Übernachten im Auto? Früh morgens erreichen wir Ungarn, gegen Mittag kommt es an der österreichischen Grenze zur ersten größeren Verzögerung. Über vier Stunden steht der Bus in der Schlange.

Serhan ist im Urlaub, doch Robert nimmt mich freundlich bei sich auf. Am Wochenende machen wir Fahrradtouren in der wiener Umgebung. Ein ganz anderes Gefühl ohne Gepäck auf hervorragend glatten Wegen zu fahren. Robert ist mit seinem Rennrad ziemlich flott unterwegs. Nach einem schönen Wochenende in Wien steige ich in den Nachtzug nach Deutschland. Nach längerer Zeit in preiswerteren Ländern sind die Preise der österreichischen Bahn besonders ärgerlich. Als ich mein Rad zum Gepäckabteil bringe, stapeln sich dort schon die Fahrräder. Die meisten der anderen Radreisenden waren durch Ungarn gefahren.

Bevor ich nach Kiel zurückkehre mache ich noch Stops bei Verwandten in Würzburg und schreibe mich an der Universität in Bayreuth ein.