Belarus 2009

Belarus 2009

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Am Tag vor der Abreise treffen wir uns in Dresden, letzte Vorbereitungen werden erledigt, wir sind froh, daß Große seinen neuen gebrauchten Kombi mitgebracht hat. In der Limousine hätten wir ziemliche Platzprobleme gehabt.  Nach dem gemeinsamen Mittagessen geht es los. Erstaunlich gut geht die Fahrt über die polnischen Landstraßen, die man eigentlich eher als eine riesige Baustelle bezeichnen könnte – eine Autofahrt durch Polen macht einfach keinen Spaß. Kurz nach Mitternacht überqueren wir bei Brest den Bug.

Am weißrussischen Grenzposten stehen bereits zwei italienische Wohnmobile, die sogar von echten Italienern gefahren werden. Ansonsten ist nicht viel los an dieser Grenze, wir sind auf eine lange Prozedur gefaßt, doch geht die Abfertigung erstaunlich zügig. Einzig bei der Gepäckkontrolle deutet der Beamte auf unseren alten zusätzlichen Ersatzreifen ohne Felge und verlangt 2€ pro Kilogramm Zoll! So einen Schwachsinn habe ich an einer Grenze noch nicht erlebt, daß für Schrott in so kleinen Mengen Zoll erhoben wird. Da es ein Altreifen ist, den es beim freundlichen Reifenhändler umsonst gab, schlage ich vor, ihn einfach in den Müll zu werfen. Der Grenzer schaut mich entgeistert an und will wissen, wofür wir den Reifen denn mitgenommen hätten. „Emergency!“ Er schlägt vor, daß wir den Zoll bei der nächsten Einreise bezahlen.
Es ist schon mal beruhigend, wenn die Grenzer, oft die größten Arschlöcher, keine Lust auf Gemeinheiten haben. Nachdem wir eine weißrussische Krankenversicherung in der Tasche haben und auch das Auto registriert ist, rollen wir ein und verbringen den Rest der Nacht direkt hinter der Grenze im Auto. Entsprechend gerädert fühlen wir uns am nächsten Tag.

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Als wir durch Brest schlendern sind wir erstmal sehr überrascht. Vom erwarteten Gammel ist in der Stadt keine Spur. Die Gebäude und Straßen sind gut in Schuß, auch Dreck liegt nicht herum. Die meisten Leute sind gut gekleidet. Einzig manche Wohnhäuser sehen ärmlich aus. Nach einem Kaffee in der Fußgängerzone und dem Mittagessen im Park sehen wir uns das Weltkriegsdenkmal an. Während die meisten solcher Denkmäler eher langweilig sind, ist dieses wirklich beeindruckend. Ein riesiger Stern markiert den Eingang, gefolgt von einer überdimensionalen Soldatenskulptur und einem Obelisk. Einige Leute erweisen den gefallenen Soldaten die Ehre.
Am späten Nachmittag fahren wir weiter in Richtung Grodno. Kurz hinter einer Mautstelle, wo wir wegen des deutschen Kennzeichens nur in Euro oder Dollar bezahlen durften, hält uns ein Polizist an. Er will uns sagen, daß man auch auf der Autobahn innerorts nur 60 fahren darf. Zum Glück bleibt es bei der Belehrung – ein ebenfalls aufgehaltener Einheimischer mußte zahlen und verließ das Auto des Polizisten ohne Quittung. Die Straßen bleiben gut und leer, nur ein Abschnitt einer Nebenstraße ist nicht asphaltiert. In Grodno finden wir schnell ein Hotel, doch leider lassen sich die Damen an der Rezeption nicht davon überzeugen, uns alle in einem Zimmer schlafen zu lassen. So bekommen wir alle drei ein kleines zwei Zimmer Appartement – zum Preis einer Berliner Jugendherberge. Leider reichen unsere Russischkenntnisse nicht aus, um der Dame zu sagen, daß wir weder Unzucht unter Männern planen, noch Interesse an den Damenbesuchen haben, die es laut dem Lonely Planet in dem Hause des Abends öfter gibt.

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Grodno ist noch angenehmer als Brest. Die Stadt hat eine hübsche, blitzende Fußgängerzone, Parks, das malerische Memelufer und auf dem Leninplatz scheint sich abends die halbe Stadt zu versammeln. Der Lonely Planet beschreibt sie als exzellentes Beispiel einer sowjetischen Stadt, doch entweder ist der Autor nie dort gewesen, oder es hat sich in unmittelbarer Vergangenheit viel getan. Lustig sind die vielen Schulabgänger, die in Festtagskleidern und mit Schärpen durch die Stadt ziehen. Abends ist auf dem zentralen Leninplatz die Hölle los, es wird gemeinsam gesessen, getratscht und getrunken. Am Gebäude nebenan hängt ein riesiges Banner „Ja ljublju tebja Belarus!“ Ich liebe dich, Belarus – solche Parolen sind in diesem Land keine Seltenheit. Auf einem modernen Bildschirm wird keine kommerzielle Werbung gemacht, stattdessen laufen Gesundheits- und Sicherheitskampagnen. Große ist von den weißrussischen Frauen sehr angetan, redet pausenlos davon, statt etwas zu unternehmen. Die meisten machen wirklich sehr viel aus sich und zeigen, was sie zu bieten haben.

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Beim Verlassen der Stadt geraten wir erst wieder in eine unproblematische Verkehrskontrolle, sehen dann durch Zufall ein Stock Car Race, das wir natürlich ansehen müssen.
Weiter geht es über de gute Landstraße Richtung Minsk, vorbei an kleinen Dörfern, die allesamt etwas ärmlich und traditionell aussehen, aber fast alle gut gepflegt sind. Viele Häuser sind aus Holz. In der kleinen Stadt Lida legen wir einen Essensstop ein, schlagen dann außerhalb der Stadt unser Zelt an einem Baggersee auf. Die Suche gestaltete sich etwas schwierig. Nachdem die Suche nach einem auf der Karte verzeichneten See in einer Datschensiedlung endete, fanden wir den kleinen See durch Zufall. Nachdem die Liebespaare weg sind, haben wir den schönen Platz ganz für uns. Es ist schön, beim Wildcampen einen See als Waschgelegenheit zu haben. Morgens wird im Kieswerk am anderen Ufer gearbeitet, an uns stört sich keiner.
Schnell erreichen wir Minsk, wo es uns auf Anhieb gefällt. Auch die Hauptstadt ist sehr sauber und gepflegt. Noch nirgends habe ich so schöne sozialistische Architektur gesehen. Im Grunde macht dies Weißrussland zu einem wunderbaren Reiseziel – man sieht Dinge, die es daheim nicht gibt, wird nicht von nervigen Touristenschwärmen und auch von sonst niemandem gestört. Ganz im Gegenteil, die meisten Leute reagieren sehr freundlich und aufgeschlossen auf uns, unser schlechtes Russisch und ihre schlechten Fremdsprachenkenntnisse lassen sie eher lachen als mürrisch reagieren. In Minsk fallen uns erstmal einige Ausländer auf, es gibt sogar ein kleines Informationsbüro.
Statt ein Hotel zu suchen, fahren wir aus der Stadt hinaus und finden abseits eines Vororts eine Badestelle am Minsker See, wo wir das Zelt aufschlagen. Die Erholungssuchenden stören sich nicht an uns. Leider geht es Scheel und seinem Magen in der Nacht nicht gut, dazu regnet und stürmt es noch gewaltig. Am Morgen fahren wir nach Minsk und quartieren uns in ein Hotel ein. Diesmal ist es auch kein Problem, ein Doppelzimmer zu beziehen, Scheel bekommt ein „Krankenzimmer“ und schon bald geht es ihm besser. Da das Wetter nicht so gut ist und wir ohnehin noch in Minsk bleiben wollten, ist das günstige Hotelzimmer auch für uns das Beste. Als wir wieder durch die Stadt schlendern, erscheint plötzlich ein Polizeiaufgebot, die Straße wird abgesperrt und eine dunkle Limousine mit dem Kennzeichen 001 BY kommt vorbeigerast. Das war wohl eine zufällige Begegnung mit Lukaschenko.
Große knüpft derweil erfolgreich Kontakte zur Rezeptionistin, die erstaunlich gut deutsch spricht. Sie meint, daß es eine neue Weisung vom Präsidenten persönlich gibt, daß Ausländer ordentlich zu behandeln sind. Der Schein des chicen Landes ist ihrer Meinung nach auf russischen Krediten errichtet.  Man hätte es ahnen können.

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Nach den schönen Tagen in Minsk geht es durch die schöne, wenn auch flache Landschaft nach Gomel. Teils geht es durch Wälder, Felder und ausgedehnte Sumpfgebiete. Die weitläufige Landschaft ist angenehm und eine Abwechslung zur dicht besiedelten Heimat.
Gomel ist insgesamt etwas trister als das bisher gesehene. Nicht so chic, die meisten Leute etwas schlechter gekleidet. Von der Katastrophe von Tschernobyl war diese Stadt sehr betroffen, doch das Leben ging weiter.
Außerhalb der Stadt kaufen wir noch Getränke an einem Truck Stop – drinnen sieht es wirklich so düster aus, wie man es von draußen vermutet hatte, und suchen uns dann einen Platz inmitten großer Felder. Zuerst finden wir eine kleine Müllhalde, fahren dann zum Glück weiter und finden ein Stück Wiese mit herrlicher Aussicht auf die Felder. Der Kocher steht schon bevor das Zelt ganz aufgebaut ist und schon bald kochen Nudeln und Gemüse.
Am nächsten Morgen kommt ein Arbeiter mit Trecker zu Besuch. Unbeeindruckt fährt er an unserem Lagerplatz vorbei. Anscheinend hat er besseres zu tun als sich zu beschweren.
Nach kurzer Fahrt stehen wir schon an der Grenze. Die Abfertigung ist ziemlich langwierig. Ich werde jedoch den Eindruck nicht los, daß die mangelnden Sprachkenntnisse die Prozedur einmal wieder etwas beschleunigen.
An der Ukrainischen Kontrolle, die sich erst 20km Landeinwärts befindet, heißt es erstmal warten, Pässe stempeln, Auto registrieren und beim Zoll vorsprechen. Als dann auch der Laufzettel abgegeben ist, dürfen wir rein ins Land.

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Verglichen mit den belarussischen Straßen, fahren wir nun auf Buckelpisten und kommen wesentlich langsamer voran. Die Ortschaften sind weniger gepflegt als im Nachbarland, auch die Leute sind merklich schlechter gekleidet. Wir schaffen es nicht bis nach Lemberg und suchen uns abermals einen freien Übernachtungsplatz. An einem kleinen Waldstück zwischen den Feldern werden wir fündig, nebenan grillt eine Familie, wir kochen wieder mit Gas. Später, wir sitzen gerade gemütlich zusammen und genießen unser Nachtisch-Bier, bekommen wir Besuch. Die beiden Damen sind schon sehr betrunken und feiern gerade einen Geburtstag. Bald kommen einige dazu, sie benehmen sich nicht gerade gut. Als ihnen klar wird, daß wir keine Lust haben mit ihnen zu feiern, nennen sie uns Faschisten. Auch wenn wir die genaue Bedeutung des Wortes in dieser Region nicht kennen, nett wird es nicht sein.
Als wir schlafen gehen wollen, ist von der Partygesellschaft keine Spur mehr.

Der Weg nach Lemberg ist nicht mehr weit, wären da nur nicht die vielen Baustellen. Wenigstens versprechen diese baldige Besserung. Interessant ist dabei, daß die meisten Baufahrzeuge türkische Kennzeichen haben – sogar ein Aserbaidschaner war dazwischen. Mangelt es der Ukraine etwa an Arbeitskräften?
In der Stadt angekommen, stoßen wir erstmal wieder auf Touristen, die sich den Ukrainischen Gammel ansehen. Wobei – abgesehen von den völlig kaputten Straßen ist die Stadt gar nicht so übel – nur eben etwas zu voll für unseren Geschmack.
Am Abend bringen wir noch Scheel zum Bahnhof, er möchte in den nächsten Zug nach Kiev steigen, um von dort aus nach Rußland weiterzureisen. Wir zwei Verbliebenen machen uns gleich auf den Weg zur Grenze, wo wir wieder für ein langwieriges Prozedere anstehen müssen. Drüben in Polen suchen wir schnell einen Übernachtungsplatz, die Auswahl ist lang nicht so groß wie im weitläufigen Belarus.
Nach einer kurzen Nacht im Auto fahren wir zügig, mit einem kleinen Abstecher nach Krakau, zurück nach Deutschland. Die neue Autobahn durch Polens Süden macht die Fahrt sogar etwas angenehm.

Praktisches:

Einreise

Zur Einreise ist ein Visum erforderlich. Ein Touristenvisum wird nur gegen Vorlage eines „Visa Support Letter“ eines Reiseunternehmens ausgestellt. Eine Pro-forma Buchung wie beim russischen Visum reicht hier nicht aus.
Privatreisevisa werden jedoch ohne Einladung ausgestellt. Voraussetzung ist eine Adresse eines Gastgebers in Belarus, die auf dem Visumantrag anzugeben ist. Eine Hoteladresse genügt nicht. Die Kosten sind hoch – insgesamt etwa 95 Euro pro Person inklusive des Honorars für den Visadienst. Nicht jeder Visadienst erledigt dies.
Bei der Einreise muß für die Dauer des Aufenthalts (nicht der Gültigkeit des Visums) eine einheimische Krankenversicherung abgeschlossen werden.
Bei der Einreise ist eine Migrationskarte auszufüllen. Der Abschnitt A wird einbehalten, Abschnitt B ist bis zur Ausreise aufzubewahren.
Eine Registrierung, die auf der Migrationskarte vermerkt wird, ist Pflicht. Unsere Registrierungen waren natürlich lückenhaft, was an der Grenze bei der Ausreise nicht beanstandet wurde.
Das Auto wird bei der Einreise registriert. Die hierfür ausgestellte Quittung wird bei der Ausreise wieder eingezogen.
Tanken

Diesel, 80, 92 und 95 Oktan sind überall sehr preiswert erhältlich. Häufig auch Autogas, Super Plus ist selten.
Beim Tanken muß in der Regel vorher bezahlt werden.
Viele Tankstellen akzeptieren neben Landeswährung auch russische Rubel, Euro und US-Dollar sowie Kreditkarten. Bei Kreditkartenzahlung wird meist eine PIN-Eingabe verlangt – auch dann, wenn für die Kreditkarte gar keine PIN vergeben wurde.
Straßen

Der Straßenzustand variiert stark. Während die Hauptrouten in sehr gutem Zustand sind, muß man auf Nebenstraßen auch mit Schotter oder kaputten Belägen rechnen. Die Verkehrsdichte ist in den Städten erträglich, außerorts oft sehr gering.
In der Ukraine waren die Straßen schlecht aber immer noch akzeptabel.
Die Anreise durch Polen war wie erwartet eher unangenehm. Viele Baustellen, schlechte überlastete Straßen. Zum Glück sind immerhin die meisten Starenkästen außer Betrieb.
Parken

In den Städten gibt es viel Parkraum, meist kostenlos. Für die Nacht gibt es sehr preiswerte bewachte Parkplätze.
Geld

Landeswährung: Weißrussischer Rubel.
In vielen Wechselstuben kann man Euro oder Dollar tauschen, ebenfalls an den ausreichend vorhandenen Geldautomaten mit Kredit- oder EC Karte Landeswährung oder US-Dollar abheben.
Hotels, moderne Supermärkte und Tankstellen akzeptieren oft Kartenzahlung, man benötigt zur Zahlung jedoch fast immer eine PIN Nummer.
Literatur

Der nicht mehr ganz aktuelle Lonely Planet wirft die Frage auf, ob der Autor das Land überhaupt einmal bereist hat. Anscheinend fehlt Belarus in der aktuellen Ausgabe nicht ohne Grund.
Viel empfehlenswerter ist da zum Beispiel „Weißrussland entdecken“ – es liefert zwar wenig praktische Informationen, doch sind diese nicht wirklich notwendig, denn viel Auswahl an Hotels und Gaststätten gibt es ohnehin nicht. Herumspazieren und die Augen offen halten lohnt sich hingegen sehr.